Christoph Türcke
Natur und Gender. Kritik eines Machbarkeitswahns
München 2021
„Die Natur ist das, was wir aus ihr machen. Aber ist sie nur das – und sonst nichts? (11)

I
Der Titel lässt nicht unmittelbar erkennen, worum es in diesem Buch geht: eine philosophische Kritik des Konstruktivismus und seiner Erscheinungsweisen im gegenwärtigen gender-Diskurs.
Der Autor lehrte Philosophie in Leipzig und hat sich unter anderem mit den Problemen von Digitalisierung und social media befasst.

II
Es ist ein Buch gegen den trend und wird von der Seite der trans-gender-community aufs schärfste kritisiert, zugleich aber – und wenig wahrgenommen – bietet es eine systematische Analyse des Konstruktivismus im philosophiegeschichtlichen und aktuellen Kontext. Die These von Christoph Türcke lautet, dass der aktuelle gender-Identitäts-Diskurs eine explizite (Selbst-) “Schöpfungstheologie“ beinhaltet: die Vorstellung, dass Körper, Identität und Geschlechtsidentität nicht nur konstruiert, sondern kreiert werden können. Der Entstehung und den Implikationen dieses ‚Machbarkeitswahns‘ gilt seine Analyse.

III
Das Buch enthält zwei Teile: Natur und Gender.
Im ersten Teil wird ausgehend von der Unterscheidung zwischen ‚creatio‘ (Schöpfung aus dem Nichts) und Konstruktion (Zusammenfügen von etwas) die Fragestellung entwickelt: Wie können wir uns der Außenwelt versichern? Ist die ‚Welt‘ gegeben oder wird sie gemacht?
Kants Erkenntnistheorie ist der Höhepunkt der Versuche, diese beiden Dimensionen zu vereinbaren. Nach Kant konstruieren wir ‚unsere‘ Welt anhand von Anschauungsweisen und Denkformen, aber es bleibt ein unergründbares ‚Ding an sich‘. Dieses ist das entscheidende Korrektiv all unserer Gedanken. Wir können alles Mögliche konstruieren, aber es gibt ein Zugrundeliegendes, dessen Komplexität uns prinzipiell unbegreiflich bleibt. Kant hat das Phänomen abstrakt benannt, aber es umschließt alles, was wir alltagssprachlich ‚Natur‘ nennen. Bezogen auf die Konstruktion ist und bleibt daher die entscheidende Frage: Konstruktion von was?
Daran haben sich viele Denker abgearbeitet. Christoph Türcke zeigt die Entwicklung vom Mittelalter über die Philosophie des Idealismus, der Phänomenologie, der Evolutionstheorie von Maturana und Varela bis zur Postmoderne bei Foucault und Derrida. Es bleibt ein ‚Eigensinn der Natur‘, der sich unserem logischen Begreifen und unseren technologischen Gestaltungsmöglichkeiten entzieht.
Im zweiten Teil analysiert Christoph Türcke die Verwischung der Differenz von Geschlecht und Geschlechtlichkeit, von creatio und Konstruktion im gegenwärtigen gender-Diskurs. Die These, dass nicht nur das soziale, sondern auch das materiale Geschlecht konstruiert wird, manifestiert sich heute in der ‚genderisierung‘ der Sprache, im Transfeminismus und in physischen Geschlechtsumwandlungen. Es ist auch hier die entscheidende Frage nach der Konstruktion von was?
Pflanzliches, tierisches und menschliches Leben entsteht durch die Fusion zweier komplementärer Keimzellen. Gegenüber der Zellteilung (der Einzeller) war das ein evolutionärer Fortschritt. Dieses Grundmodell bildet bis heute die Basis für die Entstehung von Lebensformen (nach heutiger Forschungslage muss vielleicht ergänzt werden). Es gibt Hermaphroditen, aber keine hermaphroditischen Keimzellen, also keinen dritten Typ von Keimzellen. Das heißt, die Typen von Geschlecht sind gegeben, konstruierbar ist nur die Geschlechtlichkeit, die Vorstellung von Geschlechtsidentität.
In der Verwischung dieser Unterschiede von creatio und Konstruktion werden von Vertreten der gender-identity-community Vorstellungen suggeriert, dass durch die Konstruktion von Geschlechtsidentitäten ( inclusive körperlicher Geschlechtsumwandlungen) neue, diverse Geschlechter entstehen könnten. Dieser Fehlschluss mündet nach Christoph Türcke in einen irrationalen ‚Machbarkeitswahn‘.

IV
Christoph Türcke leistet mit diesem Buch einen wertvollen Beitrag für den aktuellen Feminismus. Mit der Analyse der Schwachstellen und Fehlschlüsse, ja ‚Wahnvorstellungen‘ des gender-Diskurses bringt er wieder Argumente, also philosophische Positionen in die Diskussion. Das war einmal das Anliegen feministischer Philosophinnen, Gegenwartsanalysen durch kritisches Denken zu erstellen.

V
Was zu bedenken bleibt: Wer hat Interesse an einer Ent-Körperlichung und De-Erotisierung der Geschlechter? Wohin führen die zunehmende ‚Ich-Dissoziierung‘, die permanente ‚Verschiebungsökonomie der Lust‘ im digitalen Alltag, die Ent-Substanzialisierung von Geschlecht?
Dem Kapital ist es egal, meint Christoph Türcke – und uns?

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