„ Diejenigen, die angesichts der Variabilität und der unterschiedlichen Ausprägungen von Gender verunsichert sind, zeigen sich besonders anfällig für politische Kräfte, die darauf beharren, ‚Gender‘ sei eine ‚Ideologie‘ und zusammen mit anderen Formen von ‚Wokismus‘ verantwortlich für die Zerstörung der Familie, der Zivilisation, der Menschheit oder nationaler Kulturen. Der politische Anti-Gender-Diskurs verstärkt die normalen Ängste, die Menschen in Bezug auf Gender haben. Und er verknüpft diese Ängste mit anderen Ängsten: Angst vor der Zukunft, dem Klimawandel, der zunehmenden Prekarisierung von Arbeit, der Konzentration von Reichtum bei einigen wenigen…..“ (Judith Butler 10)

 

I

Das ist die These und zugleich die Antwort von Judith Butler in ihrem neuen Buch ‚Wer hat Angst vor Gender? ‘ Es hat eine Verschiebung stattgefunden, vom Thema der individuellen Geschlechtlichkeit ist Gender zu einem Ersatzobjekt für Ängste einer elementaren Verunsicherung  und Zerstörungswut geworden. Es wurde zu einer Projektion, zu einem Phantasma, also einer emotional aufgeladenen Vorstellung.

In zehn Kapiteln, die seit 2019 entstanden sind, in zwei Vorworten, einem deutschen und einem zur Originalausgabe, untersucht Judith Butler, was die Motive und Ursachen der sogenannten Anti-Gender-Bewegung ausmachen. Es gibt Antworten aus verschiedenen Blickwinkeln, der Sicht des Vatikans, der Reaktion des US-amerikanischen Präsidenten, der Kritik britischer als TERF-Frauen bezeichneter Radikal-Feministinnen sowie Kommentare zu kolonialistischen und rassistischen Positionen, die aber alle die oben genannte These stützen.

Aggressive Angriffe gegen sie und ihre Partnerin nach einer Konferenz in Brasilien 2017, das Verbrennen eines Abbildes von ihr, Beschuldigungen abwegiger Sexualpraktiken waren der Ausgangspunkt ihrer Frage, wie es zu diesen Emotionen gegen Gender kommt, die sich offensichtlich in aller Welt ausbreiten (403).

Judith Butler ist Professorin für Komparistik, gender studies und Kritische Theorie an der University of California, Berkeley.

 

II

Es ist ein enttäuschendes und ärgerliches Buch, weil es von Anfang an die Fragestellung auf die Wirkung von Ängsten einengt, die durch den Gender- Begriff ausgelöst werden. Das heißt, Judith Butler untersucht Effekte, nicht das Thema selbst.

Es gäbe viele Punkte, an denen sich eine Kritik  der Gender-Theorie artikulieren könnte, an denen Butlers Thesen eine Anti-Haltung und eben auch Ärger provozieren. Das sind z.B. die Negation des biologischen Geschlechts (die von ihr immer zurückgewiesen wird, aber faktisch zutrifft),  die Illusion einer  selbstbestimmbaren und gestaltbaren Geschlechtlichkeit als freie Wahl und die Leugnung der Materialität des Körpers.

Die Vermeidung einer tieferen Auseinandersetzung führt zu einer problematischen Vereinfachung der Argumentation, letztlich zu einer Psychologisierung und Pathologisierung der Angst vor Gender. Eine theoretisch strukturelle Analyse des Gender-Begriffs, z. B. eine kritische Reflexion der diskurstheoretischen Voraussetzungen, ist nicht zu erwarten.

Auf vielen Seiten werden ihre Gedanken zum Problem der Geschlechtszuweisung in binäre Kategorien wiederholt, die sind aber seit dem Erscheinen ihres Buches ‚Das Unbehagen der Geschlechter‘ (1992) einer großen Leserschaft hinreichend bekannt. Deswegen wird dieses Buch tatsächlich zu einem Pamphlet, einem Bekenntnis, so dass ihr der von Kritikern entgegengehaltene Vorwurf der Ideologisierung und Indoktrination (42/43) nachvollziehbar wird.

Also, es ist ein Ärgernis,  wenn über 400 Seiten ausgeführt wird, was seit langem bekannt ist, wenn die Kernthese eine Behauptung bleibt und wenn es Widersprüche gibt, was unter Gender/gendern verstanden wird: Ist es eine „Empfindungswahrnehmung des Körpers“ (56) oder eine „Methode“ (261) ?

 

III

Bezugnehmend auf die Diskurstheorie von Michel Foucault versteht Judith Butler Gender als „normative Organisierung gesellschaftlicher Realität“ (9). Geschlecht ist demzufolge ein Produkt des Diskurses. Damit konnte Judith Butler traditionelle Erklärungen von Geschlechtlichkeit entkräften, die Männlichkeit und Weiblichkeit aus dem biologischen Geschlecht ableiteten: Männer sind stark, Frauen sind schwach. So wurden Eigenschaften festgeschrieben. Diesen Determinismus hatte Simone de Beauvoir schon 1949 kritisiert. Aber auch ein moderneres Verständnis der Geschlechter als zusammengesetzt von biologischem   (sex) und sozial kulturellem  Geschlecht (gender) wird von Judit Butler verworfen, da beide durch den Diskurs erst hervorgebracht werden. Die performative Kraft der Sprache wurde zum credo und der Diskurs zum Konstruktionsprinzip von Wirklichkeit. Demzufolge werden nach Judith Butler Körper durch Diskurse ‚geformt‘.

In dem Vorwort zur deutschen Ausgabe (9ff), aber nicht nur dort, stellt Judith Butler Gender-Theorie und Biologie konträr gegenüber. Die einen vertreten ein offenes Konzept der Geschlechterbildung, die anderen wollen – man muss sagen, Judith Butler unterstellt es ihnen-  zurück zu festgefügten Identitäten aufgrund natürlicher Körper. In dieser Polarisierung werden Missverständnisse endlos wiederholt.

Dazu exemplarisch das Kapitel “Was ist denn nun mit dem biologischen Geschlecht?“‘ (240ff). Judith Butler sagt, die genderfeindlichen AktivistInnen behaupten, Gender-Theorie negiere das biologische Geschlecht. Das wird von ihr zurückgewiesen: diese biologischen Unterschiede würden nicht ignoriert, sondern sie würden als schon immer diskursiv geformte betrachtet.

Doch dieses Argument geht an dem Problem vorbei. Der Bezug auf die Biologie ist in der Tat verkürzt, aber eine solche Position wird ja außerhalb der Biologie auch gar nicht vertreten. Diese Reduktion stellt Judith Butler selber her, in dem sie Gender-KritikerInnen und dem ‚gesunden Menschenverstand‘ – den sie auf arrogante Weise herabsetzt (246 ff) – abspricht, von der Evidenz  ‚zweier‘ Geschlechter auszugehen. Das ist ihr Kardinalproblem. Es gibt ‚zwei‘ jeweils andere Arten des in-der-Welt-Seins, die nicht verschieden (also der Logik des Gleichen angehören), sondern anders sind. Sie haben je ihre eigene Seinsweise *, so denken es die Differenz-TheoretikerInnen am Anschluss an Luce Irigaray und Emmanuel Levinas. Das hat mit Biologie nichts zu tun.

*[Um  das zu kennzeichnen muss der Begriff ‚Frau‘ und Mann‘ jeweils markiert werden, wenn sie im Sinn einer Logik des Anderen gemeint sind. Als Andere sind sie nicht identisch, sondern different. ]

Ja, Judith Butler hat recht, wenn sie schreibt, die ‚Gebärfähigkeit‘ der Frau kann kein Unterscheidungsmerkmal sein, dieses Merkmal bleibt ja biologisch begründet (242). Aber auch hier liegt eine Verkürzung vor, der Gebärfähigkeit korrespondiert die Zeugungsfähigkeit. Beide Geschlechter sind auf ihre Weise an der Fortpflanzung beteiligt.

Judith Butler ignoriert konsequent das Geschlechterverhältnis, also die Beziehungsstruktur zwischen den Geschlechtern, weil sie einerseits deren jeweilige Besonderheit negiert und andererseits das subjektive Körperempfinden, die GeschlechtsIdentität  ins Zentrum rückt. Ihre These, dass Geschlechtlichkeit durch Geschlechtszuweisung entsteht, ist deswegen verkürzt. Ja, auf der normativen Ebene einer Gesellschaft gibt es Systeme, die das Geschlecht regulieren und organisieren. Die sogenannte „binäre“ Zweigeschlechtlichkeit ist aber nur eine Form, in der das Geschlechterverhältnis gesehen werden kann. Sie wirkt im Recht, im allgemeinen Verwaltungshandeln und in vielen gesellschaftlichen Institutionen mit all den von Judith Butler hinreichend beschriebenen Folgen. Das Geschlechterverhältnis in der patriarchalen Gesellschaft ist aber gerade nicht ‚binär‘, das würde logisch Gleichheit implizieren, sondern es ist hierarchisch. So hat Simone de Beauvoir die Funktionsweise des philosophischen Diskurses analysiert, in dem das männliche Subjekt die Frau als das andere (Objekt) definiert. Aber selbst die Hierarchie ist ja nur eine Form historischer Geschlechterbeziehungen, die nicht unveränderlich festgeschrieben ist.

Weil Judith Butler die Andersheit des Geschlechterverhältnisses nicht in den Blick nimmt, kann sie auch die Identitätsbildung nur unzureichend erklären. Nein, die Individuen können „ihre Persönlichkeiten [nicht] nach ihren eigenen Begriffen gestalten“ (60), das ist eine Illusion (vgl. Christoph Türcke 2021). Das Begehren der Geschlechter entsteht in der Polarität von ‚Frau‘ und ‚Mann‘. Das ist ja das Besondere und besonders zu Verstehende, jedes Lebewesen entsteht aus der Vereinigung eines ‚weiblichen‘ und ‚männlichen‘ Lebewesen. Nur weil das so ist,  entsteht ja die Notwendigkeit einer individuellen Identitätsfindung. Identität impliziert immer die Gleichheit von Ungleichem (eine Adorno- Preisträgerin sollte das wissen), es ist die Aufgabe des Individuums,  seine Balance heraus zu finden. So sehen es Sigmund Freud und  die Psychoanalyse und hier ist Identität weder an Biologie festgemacht noch eindeutig bestimmt. Es bedeutet einen lebenslangen Prozess des Selbst-Werdens und es entsteht durch Begehren, nicht durch Normen.

Judith Butler stellt die Materialität des Körpers in Frage. Radikaler als Michel Foucault behauptet sie, dass Diskurs-Macht Materie erzeugt. Wieder nimmt sie diese Aussage zugleich zurück, wie bei der Formung des Geschlechts, indem sie sagt, sie leugne nicht die Materialität, aber diese selbst erscheine immer nur in schon diskursiv geformter Gestalt.

Sie schreibt: „Wird eine Person als Mann bezeichnet, obwohl sie eine Frau ist, dann stellt diese Benennung eine Auslöschung dessen dar, was sie ist. Diese Auslöschung ist eine echte Auswirkung, eine Modifizierung der Realität und eine ganz eigene Form von Gewalt“ (258). Eine Auslöschung??? Judith Butler unterscheidet nicht zwischen Norm und Wirklichkeit, für sie ist beides eins. Jemand wird nicht ‚ausgelöscht‘, wenn sie statt weiblich männlich bezeichnet wird. Eine solche Zuschreibung kann persönliches Leid hervorrufen, aber es bewirkt nicht die Auslöschung und Vernichtung einer Person. Das ist Konstruktivismus pur.

Spätestens hier wird klar, dass diese Gedanken-Akrobatik nicht von jedem nachvollzogen und anerkannt werden kann. Dass hier Ärger und Wut entstehen, ist geradezu verständlich. Eine Diffamierung des ‚gesunden Menschenverstandes‘ an dieser Stelle ist zutiefst menschenverachtend (245ff). Warum spricht sie es Menschen ab, sich Gedanken über ihre Geschlechtlichkeit zu machen, die nicht von der Diskurs-Theorie geprägt sind?

 

IV

Welche Bedeutung hat das Buch ‚Wer hat Angst vor Gender ?‘ für den feministischen Diskurs? Es gibt wenig Neues und viel Redundanz. Die Oberflächkeit der Argumentation könnte darauf verweisen, dass der Zenit der Gender-Theorie überschritten ist. Doch die inhaltlichen Probleme bleiben:

Judith Butler bleibt bei der Verabsolutierung der Diskurstheorie, bei der Priorität der Sprache als Wirkungsmacht. Es stellen sich dieselben Fragen, die den Konstruktivismus betreffen: wer sind die politischen Akteure, wer verkörpert die Macht und warum funktioniert das alles, in diesem Fall die Diskriminierung von Gender? Dass dieses Wort zu einem zu einem Phantasma geworden ist, klingt plausibel, aber wie ist es dazu gekommen?

Judith Butler bleibt bei der Priorisierung der Geschlechtsidentität, dem Kernproblem der Geschlechtszuweisung in binäre Kategorien. Das Geschlechterverhältnis, wie es von den Theoretikerinnen der Differenz-Theorien problematisiert wird, also das Verhältnis von ‚Frau‘ und ‚Mann‘ wird von ihr ignoriert. Zwar zitiert sie in einem Beitrag Joan Scott und hebt folgenden Satz explizit hervor: „…kritisch darüber nachzudenken, wie die Bedeutungen sexuierter Körper in Beziehungen zueinander erzeugt werden und wie diese Bedeutungen eingesetzt und verändert werden [ i.O.]“ (262). Ein solcher Gedanke setzt aber die Existenz der Kategorien von ‚Frau‘ und ‚Mann‘ als Seinsweisen voraus.

Judith Butler bleibt bei der These von der Gestaltbarkeit der Geschlechtlichkeit. In ihrem Buch ‚Das Unbehagen der Geschlechter‘ (1991) nannte sie das Spiel mit der eigenen Selbstdarstellung als Kritik an dem binären Modell der Zweigeschlechtlichkeit ‚Geschlechter-Parodie‘. Das war als subversive Aktion gedacht. Heute aber sieht sie Gender als gestaltende Kraft selbst.

Jenseits der Diskurstheorie bleibt es dabei, ich kann mein Geschlecht nicht ‚wählen‘ und auch nicht gestalten: ich bin es. Sexuelle Geschlechtlichkeit ist gebunden an  das Begehren, es kann sich je individuell auf einer breiten Skala von weiblich und männlich vielfältig entfalten. Geschlechtlichkeit entsteht durch begehrende Körper, nicht durch Normen. Diese regulieren zwar die möglichen Formen von Geschlechtsidentitäten, aber sie bestimmen sie nicht. Diese Diskrepanz zwischen Norm und Praxis wird von Judith Butler ignoriert.

Es bleibt bei Judith Butler bei einer Entpolitisierung des Feminismus. Wenn in der Diskurs-Theorie das Subjekt ausgelöscht wird (und die abstrakte Macht an seine Stelle tritt), geschieht es ebenso in der Gendertheorie mit dem Begriff der Frau. Auch diese Kritik versucht Judith Butler zu widerlegen. Aber heute haben wir eine LGBTQIA Bewegung und eine Anti-Gender-Bewegung.  Was hat sich für ‚Frauen‘ durch den Gender-Diskurs verändert?

Judith Butler konzentriert sich auf das Feindbild der Gender-Gegner und diagnostiziert eine Vereinnahmung durch rechte Bewegungen, die eine Restauration traditioneller Geschlechtervorstellungen anstreben. Dazu kommt die Warnung vor faschistischen Tendenzen, die sich hier anschließen könnten. Aber solange diese These nicht präziser belegt wird, besteht die Gefahr, dass auch hier ein Phantasma aufgebaut wird.

Eine weltweite Allianz aller ‚Betroffene‘ soll gegen vereinnehmende und zerstörerische Tendenzen der Anti- Gender Bewegung aufgebaut werden: „…die Basis dieser Allianz wäre die gemeinschaftlich Opposition gegen das Eingreifen des Staates in den Lauf unserer verkörperter Leben, das als patriarchal geprägt, transphob und falsch verstanden würde“ (245). Ja, gibt es diese Allianz denn nicht schon? Die Frage wäre doch eher, warum sie so ineffektiv und erfolglos agiert hat?

 

V

Judith Butler ‚argumentiert‘ nicht mehr. Ihre Texte in diesem Buch sind nicht mehr analytisch, sondern programmatisch:

„Der einzige Weg nach vorn für alle jene, die unter Beschuss stehen, besteht darin, sich effektiver zusammenzuschließen, als es ihre Feind:innen getan haben, ihr Bündnis zu bekräftigen und die ihnen vorgehaltenen Phantasmen mithilfe eines kraftvollen, regenerativen Imaginären zu bekämpfen, die zwischen der Zerstörung von Leben und einer kollektiven Bejahung von Leben, die durch Kampf und sogar Unschlüssigkeit bestimmt ist, unterscheiden kann “ (341/2).

12/2025

 

 

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