„Eine Hymne an das Leben“

Die Scham muss die Seite wechseln

Gisèle Pelicot (mit Judith Perrignon)
Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seite wechseln
München 2026

 Gisèle Pelicot hat ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben und publiziert: “ Et la joie de vivre.“

Sie sagt, sie möchte durch das Schreiben, Ausdruck finden für das, was Ihr passiert ist, sie möchte es anderen Frauen mitteilen. Sie möchte auch sagen, dass sie keine Angst mehr hat, alleine zu sein und dass sie wieder Lebensfreude empfinden kann.

Eine Frau spricht:

„Den Strafverteidigern zuzuhören, als sie beantragen, nicht von ‚Vergewaltigung‘ zu reden, der Unschuldsvermutung wegen. Einer von ihnen regte stattdessen den Gebrauch des Wortes “Geschlechtsverkehr“ an, der Vorsitzende schlug „Sexszene“ vor. Ich kochte innerlich vor Wut, aber ich durfte mich von meiner Bank aus nicht dazu äußern. Ich musste mich beherrschen. Die ganze Zeit. Musste mich beherrschen, meine Anwälte machen lassen, musste an mich halten, als der Vorsitzende einen Arzt fragte, ob meine Vaginalsekrete auf Lustempfinden hindeuteten, als die Gerichtsmedizinerin im Zeugenstand von den schweren gesundheitlichen Schäden sprach, die ich davon getragen hatte, und ihr eine Strafverteidigerin mit einem höhnischen Lachen zurief :“ Sie werden uns noch zum Weinen bringen, die arme Madame Pelicot.“

Den Namen dieser Frau nenne ich hier nicht, auch nicht die Namen der anderen Verteidiger und der Mitangeklagten. Nicht, um sie zu schonen, in den Archiven der Medien und des Gerichts sind sie ja leicht aufzufinden, sondern weil ich sie nur als finstere Redner festhalten will, als Papageien ihrer gewissenlosen, brutalen und feigen Mandanten, weil ich nichts als den Kern ihrer Aussagen wiedergeben will, mit denen sie eine Frau, die männlichen Dominanzansprüchen zum Opfer gefallen war, endgültig niederzutrampeln versuchten. Das ging nicht nur gegen mich, das ging gegen alle Frauen.“

….

„In den Verhandlungspausen streifte ich diese Männer. Ich hörte, wie sie sich miteinander unterhielten, ohne leiser zu werden, getragen von einer typisch männlichen Kameradschaft, ich sah, wie sie sich gegenseitig abklatschten, mittags zusammen in das Café gegenüber gingen, am Tresen plauderten und lachten, sich ein paar Bierchen gönnten in bestem Einvernehmen, weil sie alle der schlichten Überzeugung waren, sie hätten nichts Böses getan. Dabei waren sie sehr unterschiedlich, einige waren eloquent, andere brachten im Zeugenstand nicht einmal zwei zusammenhängende Sätze zustande, einige waren alt, kahlköpfig und schmerbäuchig, andere jung und muskelbepackt, einer kaute pausenlos Kaugummi, ein andere hatte seine Kumpel von der Polizei als Unterstützer herbeigeholt, aber eins hatten sie alle gemeinsam: die Pose. Diese betonte Lässigkeit, egal, was über sie gedacht und gesagt wurde, weil sie schon von jeher auf der Seite der Stärkeren standen.“

„Und da war vor allem diese Menschenmenge, diese Frauen… Morgens, mittags und abends standen sie Schlange, um einen Platz in dem Zuschauersaal zu ergattern, der zusätzlich eröffnet worden war, am Ende des Verhandlungstages drängten sie sich vor dem Gerichtsgebäude, unschlüssig, ob sie nach Hause gehen sollte, wo bestimmt alles Mögliche auf sie wartete, der Haushalt, Kinder, all diese Verpflichtungen, die uns auf Trab haten, doch nun schienen sie es damit nicht eilig zu haben. Das Gerichtsgebäude von Avignon war plötzlich zur Begegnungsstätte geworden. Und es wurde für mich zu einer Postanschrift. Bald drückte man mir allabendlich einen Stapel Umschläge in die Hand. Zu Hause schnitt Jean-Loup sie mit einem Brieföffner auf, und gemeinsam lasen wir die Leidensgeschichten, die mir Frauen aus allen Ecken und Enden des Landes anvertrauten.“

 4/2026

 

 

 

 

 

 

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