Die Differenz denken

„Auf die ihr gestellte Frage: „Sind Sie eine Frau ?“ antwortet Luce Irigaray: „Eine typische Frage. Eine typisch männliche Frage ? Ich glaube nicht, daß eine Frau mir diese Frage stellen würde, es sei denn, sie hat sich den männlichen, genauer gesagt, den phallischen Modellen gleichgestellt. Weil ,ich’ nicht ich bin, bin ich nicht, bin ich nicht eine. Und dann Frau noch dazu, wer weiß ... Auf jeden Fall, in dieser Form des Begriffs und der Benennung bestimmt nicht.“ (Luce Irigaray 1979, 126)

„Mit dieser Frage ‚Sind Sie eine Frau?’ konfrontiert, konnte Luce Irigaray vor Jahren noch die in dieser Fragestellung enthaltene Provokation als genau jenen Denkmechanismus entlarven, der es einer Frau unmöglich macht, mit einem einfachen ‚ja’ zu antworten. Frauen wurden aus der Perspektive des männlichen Denkens ‚definiert’. Ein ‚ja’ hätte bedeutet, sich dieser Denkweise zu unterwerfen, ein ‚nein’ hätte eine Rechtfertigung erfordert.

Heute im Zeitalter des ‚gender’- Diskurses wirkt eine solche Frage obsolet, das Problem der Geschlechtlichkeit scheint aufgehoben in der Vorstellung von der Geschlechtsidentität als Konstruktion. Mit der Einführung des ‚gender’-Begriffs wurde eine Erklärung der Geschlechterkonstruktion als sozio-kultureller Variablen gefunden und überwiegend anerkannt. Ich halte diesen Erklärungsansatz allerdings für theoretisch verkürzt, für eine neue Nivellierung der Geschlechterdifferenz, die verhindert, dass sich Frauen als autonomes Geschlecht denken können.

Unbestritten ist es das Verdienst konstruktivistischer Theorien, eine grundlegende Kritik an biologisch abgeleiteten und essentialistisch begründeten Aussagen über Geschlechtlichkeit geleistet zu haben. Dass Identität aus der Zugehörigkeit zum biologischen Geschlecht resultiert, vermag nicht länger zu überzeugen. Geschlechtsidentität wird sozial und kulturell erzeugt. Nach Judith Butler entstehen solche Modelle performativ, sie sind gestaltbar, vielschichtig und mehrdeutig. Aus diesem Grund sind sie nicht mehr ‚eindeutig’ zu bestimmen.

Das der Geschlechtlichkeit zugrunde liegende Problem wird jedoch durch die konstruktivistische Sichtweise vereinfacht. Geschlechtlichkeit und Geschlechtsidentität sind das Resultat der Differenz zweier Geschlechter, die in der europäischen Tradition des Denkens bislang als Unterschied aufgefasst wurde. Das Verhältnis der Geschlechter als Differenz zu denken, bedeutet, ihre jeweilige Besonderheit und Autonomie anzuerkennen und zwar nicht als empirisches Merkmal, sondern als kategoriale Grundstruktur der Geschlechterbeziehung.

Dieses der Identitätskonstruktion voraus liegende Problem, die erkenntnistheoretische oder epistemologische Dimension, wird in konstruktivistischen Theorien weitgehend ausgeblendet. In einer solchen erkenntnistheoretischen Perspektive ist entscheidend, wie die Geschlechter ‚gedacht’ werden, in welchen theoretischen und symbolischen Termini sie präsent sind und wie deren Beziehung zueinander bestimmt wird. Das Konstrukt der Geschlechtsidentität wäre dann das Ergebnis einer jeweils philosophisch und historisch zu begründenden Differenz zwischen den Geschlechtern.

Über Jahrhunderte galt es als selbstverständlich, dass die Geschlechterdifferenz in universellen Kategorien wie Ich, Subjekt und Mensch aufgehoben ist. Als Problem konnte sie erst formuliert werden, als zwischen Geschlechtsneutralität und Anthropozentrismus des philosophischen Subjektes unterschieden wurde. Die allgemeinen Kategorien des theoretischen Diskurses suggerieren Neutralität, beziehen sich aber auf die Perspektive des Mannes. Dieser Gedanke wurde erstmals von Simone de Beauvoir in ihrem Buch ‚Le deuxième Sexe’ (1949, 1992) theoretisch reflektiert, sie unterschied zwischen dem (philosophischen) Subjekt und der Frau. „Die Menschheit ist männlich, der Mann definiert die Frau nicht als solche, sondern im Vergleich zu sich selbst: sie wird nicht als autonomes Wesen gesehen“ (Beauvoir 1992, 12). In dieser Perspektive ist der Mann „das Subjekt, er ist das Absolute: sie ist das Andere“ (ebd.).

Dieser Beziehung der Abhängigkeit entspricht eine spezifische Ortlosigkeit der Frau in der philosophischen Tradition und damit in einem Kernbereich der symbolischen Formen, die nach Cassirer eine Kultur prägen. Elisabeth List bezeichnet diesen Zustand als „marginale Anwesenheit“ (List 1993, 30), demnach sind Frauen im philosophischen Diskurs nicht „schlichtweg abwesend“, allerdings auch nicht wirklich präsent, sondern nur am Rande, als das vom männlichen Subjekt definierte Andere (ebd.). Luce Irigaray formuliert das noch schärfer als Ausschluss der Frau aus der symbolischen Repräsentation eines kulturellen Systems bei gleichzeitiger Vereinnahmung des Weiblichen als Projektionsfläche eines männlichen Imaginären (Irigaray 1979).

Für Frauen zeigt sich hier ein spezifisches Dilemma: Sie haben keinen anerkannten Status im philosophischen Diskurs. Zwar ist das weibliche Geschlecht Gegenstand philosophischer Reflexion und Objekt wissenschaftlicher Theorie, als selbst denkendes Geschlecht ist es jedoch nicht präsent. Die konstruktivistische Kritik am Begriff der Frau als essentialistisch übersieht die Notwendigkeit einer symbolischen Repräsentation des weiblichen Geschlechts als autonomes, wie es ein Denken der Geschlechterdifferenz eröffnet.

Die Geschlechterdifferenz zu denken bedeutet, die Kategorie der Differenz – hier im philosophischen Sinn als Denkform – auf das Geschlechterverhältnis selbst anzuwenden: die Beziehung zwischen dem weiblichen und männlichen Geschlecht zu denken, nicht deren jeweilige Identität. Erst unter dieser Voraussetzung können sich Frauen in einem als universell konzipierten, aber männlich dominierten Diskurs als besonderes Geschlecht positionieren – und ihn dadurch verändern.

(Anke Drygala: Die Differenz denken, Wien 2005, S. 7-10)

 

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