Differenz als Kritik

„Das neuzeitliche Denken hat das Geschlechterproblem in einem Universalismus zu lösen versucht, der in der Formel mündet: Alle Menschen sind gleich! Diese Weise der Universalisierung wurde zu einem politischen Programm. Frauen verdanken der »Gleichheitspolitik« viele Errungenschaften, angefangen von der Gleichheit vor dem Gesetz, über das Wahlrecht bis hin zum Versuch, eine ökonomische Gleichheit zu erlangen. Allerdings handelt es sich auch um eine Verallgemeinerung, die ihren Preis hat, ein Ideal des Gleichen bilden zu müssen, das Divergenzen kaum mehr auffangen kann. Mit »Can the subaltern speak?« aktualisiert Gayatri Spivak derzeit die Frage, wie Unterdrückte überhaupt zur Sprache kommen und Leerstellen im gesellschaftlich »determinierten Feld« (Derrida) erobert werden können. (Spivak 2008; Gerhard 2008, Günter 1997, 119-141, 211-215) Auch heute bleibt evident, dass Frauen ihnen entsprechende Bedingungen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit nur unzureichend vorfinden. Im Gegenteil, nach wie vor müssen sie für deren Realisierung kämpfen. Damit regt sich ein Zweifel, ist das tatsächlich eine sinnvolle Strategie, die Gleichheit der Geschlechter in universalistischer Manier zu verfolgen? Und welchen Interessen dient dieses Konzept der Geschlechter-Gleichheit?

Die Denkerinnen der Geschlechterdifferenz haben sich mit diesem Konzept der Gleichheit nicht zufrieden gegeben. Sie haben es einer scharfsinnigen Kritik unterzogen: Dieses Modell propagiert die Nivellierung der Geschlechtlichkeit im Neutrum, einem geschlechtsneutralisierten Ideal, aus der Perspektive de Mannes. In der Folge sind Frauen das zweite Geschlecht, das abgeleitete Geschlecht, besetzen den zweiten Rang.

Nun könnte der Einwand kommen, das alles wissen wir schon seit vielen Jahren und sogar Jahrhunderten, der Kampf gegen die Unterdrückung und Diskriminierung der Frau ist nicht neu. Das ist so, neu aber ist die Aufdeckung der Funktions- und Wirkungsweise eines Geschlechterdiskurses, der diese Konstellation immer wieder aufs Neue herstellt. Die Geschlechterdifferenz als Konzept steht für die Kritik an dieser Diskursformation. Sie ist ein Instrument der Reflexion und Analyse, sich in den bestehenden Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmustern als Geschlecht zu positionieren und zu agieren. Und vor allem, sie eröffnet Alternativen. Zunächst allerdings ging es darum, weibliche Subjektivität neu zu denken und zu begründen, da diese als eigenständige Größe über Jahrhunderte aus dem sozialen, kulturellen und philosophischen der Perspektive des Mannes Diskurs ausgeschlossen war. Der Denkansatz als solcher begründet ein theoretisches und praktisches Fundament für beide Geschlechter, die Möglichkeit sich als Frau und Mann in der Differenz zu erfassen, also in einem Offenhalten der Kriterien und Begründungszusammenhänge entlang der durchaus variantenreichen menschlichen Erfahrung von zwei Geschlechtern. Konzepte des Selbst werden aufgesprengt, aus der Behauptung »ich denke selbst« wird ein analytisches Programm. Die Herausbildung der Geschlechterdifferenz wird zu einer Frage, einer Aufgabe, die zum Fragen und Denken führt.“ (S.10-11)

„In der europäisch westlichen Theoriegeschichte hat sich ein Denken in Gegensätzen etabliert, das Oppositionen, Dualismen und Binaritäten gemäß der formalen Logik feststellt und Unterscheidungen nach diesem Prinzip vornimmt. Nun gibt es aber ein Gegensatzpaar, das dieses Prinzip sprengt: Identität und Differenz. Der Gegensatz zu Gleichheit, wenn man Identität vereinfachend so übersetzen würde, ist Ungleichheit. Hier ist das Moment der Gleichheit negiert. Der Gegensatz zu Identität wäre dementsprechend Nichtidentisches, nämlich »Differenz«. Das Nichtidentische ist aber formallogisch nicht zu »begreifen«, es entzieht sich einer Bestimmung, einer Identifikation und verweist damit auf eine Aporie: einen unaufhebbaren Widerspruch unseres Denksystems. Das Nichtidentische bleibt außerhalb der identitätslogischen Klassifizierung. Dieser Kerngedanke wurde auf unterschiedliche Weise von Martin Heidegger und Theodor W. Adorno problematisiert und expliziert – und in der Folge von französischen Denkern der Postmoderne aufgegriffen und weiterentwickelt. Über diesen Weg wurde er zur Grundlage des Denkens der Geschlechterdifferenz der französischen Philosophinnen. Dekonstruktion, différance, Geschlechterdifferenz, Genealogie und Alterität bedeuten Kritik! Die Kritik am Modell unseres westlichen Denkens bildet sozusagen den Schlüssel zu den daran anschließenden Ausarbeitungen des Problems. Und genau dieser Gedanke, dass sich das Denken der Differenz gegen das bestehende erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Modell wendet, wird in der Rezeption übersehen oder vernachlässigt. Die andere neue Ausdrucksweise, die aus dem Denken der Differenz entsteht, findet sich beispielsweise in der experimentellen Grenzüberschreitung durch ein »frau sprechen« bei Luce Irigaray oder durch das »partire di se« (»von sich selbst ausgehen «) der italienischen Philosophinnen.“ (S.18-19)

(Anke Drygala/ Andrea Günter (Hrg): Paradigma Geschlechterdifferenz. Ein philosophisches Lesebuch. Sulzbach/Taunus 2010)

 

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